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Vorstellung in Michendorf: So war der „Hauptmann von Köpenick“ in der Volksbühne

    Vorstellung in Michendorf:
    So war der „Hauptmann von Köpenick“ in der Volksbühne

    Die Michendorfer feiern in der Volksbühne 100 Jahre nach dem Tod des Vorbilds ihren eigenen „Hauptmann von Köpenick“. Die MAZ war dabei – und sah eine gute Vorstellung.

    Es ist hierzulande einfach unmöglich, sich ohne vorgeprägte Bilder im Kopf Carl Zuckmayers 1931 uraufgeführtes Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“ anzuschauen. Der Stoff vom handstreichartigen Raub der Köpenicker Stadtkasse durch den frisch aus dem Gefängnis entlassenen Schuhmacher Friedrich Wilhelm Voigt (1849-1922) ist seit der Tat am denkwürdigen 16. Oktober 1906 weit über Berlin hinaus präsent geblieben. Unzählige Male wurde das Ereignis für Bühne und Leinwand aufbereitet. So konnte es nicht verwundern, dass auch eine Katastrophe wie Corona die Premiere des Stückes am Freitagabend in der Volksbühne in Michendorf nicht aufhalten würde.

    Schauspieler können eigene Stärken und Vorstellungen zeigen

    Steffen Lösers Inszenierung bot schon insofern Neues, als sie es jedem der acht Begleitdarsteller des Hauptmanns ermöglichte, in vier, fünf oder gar sechs Rollen zu schlüpfen. So bot sich allen Akteuren hinreichend Gelegenheit, darstellerische Vorlieben auszuleben und auf eigene Stärken in der Figurenzeichnung aufmerksam zu machen. Zuckmayer baute in seinem Stück anfangs eine fiktive Vorgeschichte ein, die zehn Jahre zurückgreift und die Legende vom uneigennützigen einzig auf Passerwerb gerichteten Streben des historischen „Hauptmanns“ Friedrich Wilhelm Voigt stützen sollte.

    Gert Melzer spielt diesen Helden dann auch durchgängig als großväterlich gütige Person, die einzig durch widrige Umstände immer wieder in die Kriminalität gezwungen wird. Löser legte über seine Inszenierung oft die Dunstglocke des Wilhelminischen Kasernenhofmiefs und einen Gesellschaftsrealismus, wie er von den Bildern Heinrich Zilles bekannt ist. Das Problem ständig wechselnder Handlungsorte löste Bühnenbildner Martin Riedl, indem er immer neue riesige historische Fotografien auf die beweglichen Stellwände projizierte. So belebte sich das Sittengemälde der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, das die Schattenseiten dieser vermeintlichen Blütezeit des Kaiserreichs nicht aussparte.

    Permanenter Rollenwechsel sorgt für Szenenapplaus

    Bleierne Traurigkeit entstand als ein von Mica Bara gespieltes schwer tuberkulöses Mädchen im Schaukelstuhl ihrem zeitlichen Ende entgegensiechte. Man wurde an Porträtgrafiken von Käthe Kollwitz erinnert. Erstaunlich war auch, wie lebhaft das Publikum auf fast vergessene Dialekte wie das Ostpreußische reagierte und wie bereitwillig es dem ständigen Auf und Ab der Gefühle folgte. Dazu trug bei, dass die Rollenschwemme auch für ständig wechselnde Kostümierungen sowie immer neue Stimmlagen der Darsteller sorgte. Die Zuschauer goutierten diese permanenten Rollenwechsel mit ausdauernder Heiterkeit und Szenenapplaus und dies wiederum befeuerte sichtlich das Bühnenpersonal.

    Weniger überraschend gestaltete sich dann das bekannte Happy-End. Nachdem sogar der Kaiser über die Posse gelacht hatte, stimmen auch die meisten seiner Untertanen in das royale Gelächter ein. Der gelernte Schuster und ungelernte Hauptmann Voigt muss zwar wieder in den Knast, avanciert dafür aber zum Nationalhelden. Und weil er nur physisch gestorben ist, lebt er auch heute noch.

    Von Lothar Krone