Volksbühne Michendorf entführt in den Schlagersternhimmel

Bei der Premiere von „Jojo-Effekt“ in der Volksbühne Michendorf herrschte Karaokestimmung. Irgendwann gab es beim Publikum kein Halten mehr.

Ja, was war das eigentlich? Mitten im Coronataumel der Fallzahlen wirkte die im 2G-Modus agierende Volksbühne in Michendorf am vergangenen Freitagabend wie eine trotzige Insel entfesselten Frohsinns.

Bei dem wortspielerisch mit dem Gattungsbegriff „Diätical“ versehenen und von Kerstin Langner-Jorgensen dramatisierten Stück „Jojo-Effekt“ waren die Fronten bereits mit dem Kartenerwerb geklärt. Bekennende Schlagerfans wurden mit der Ohrwurmseligkeit verheißenden Ankündigung von mehr als einem Dutzend Kompositionen wie Udo Jürgens „Aber bitte mit Sahne“ ins Theater gelockt.

Als sich der Vorhang öffnete, tat sich bereits beim ersten Blick der ganze szenische Kosmos auf, durch den sich anschließend der Handlungsfaden schlängelte. Der vom schwulen Frisör Sascha (Tobias Grabowski) betriebene Salon (Bühne Martin Riedl) mit seinen Frisiertischen war die Kulisse für drei extrem unterschiedliche Frauentypen aus der Kundschaft des unablässig die Hüfte schwenkenden Figaros.

Regisseur Christian A. Schnell hat reichlich Schlagerbonbons platziert

Hausfrau Margot (Michaela Wrona) ist in ihrer Biederkeit gefangen, während die nur scheinbar stabil gebundene Floristin Steffi (Mica Bara) mitten beim Aufstylen per SMS ihre Beziehungskündigung erhält. Auch die so selbstsicher auftretende Werbeagenturchefin Claudia, gespielt von dem in seiner Frauenrolle überzeugenden Tobias Rechtien, verbirgt schweres Seelenleid wegen ihrer heimlichen Sehnsucht nach männlicher Überwältigung.

Gehen drei Damen zum Friseur

Regisseur Christian A. Schnell hatte sich redlich bemüht, so etwas wie Handlung zwischen den Schlagerbonbons zu platzieren, obwohl die Gespräche der drei Damen und des obertuntigen Sascha stückgemäß einzig um Hüftspeck, Diäten, Fitness, Frisuren und das sie alle vereinende Thema Männer kreisten. Das Publikum zeigte frühzeitig an, dass aber genau das dem entsprach, was es von diesem Abend erwartete. Es schunkelte, sang und klatschte sich selbstvergessen in einen regelrechten Schlagerrausch.

Dabei schien es unerheblich, ob die Stimmen der Darsteller in jedem Fall die Leuchtkraft einer Mary Roos, Gitte Haenning oder Wencke Myhre erreichten, wenn nur die Intensität der Darbietung stimmte. Es gab sogar mehrfach Momente, in denen die Kopien dem Original standhielten.

Mehrfach kraftvoll „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens

Die durch ihre fast schon akrobatische Lebendigkeit überzeugende Bara hatte solche Auftritte. Als sie mit hochgeschraubter Stimmlage den Refrain von Udo Jürgens „Aber bitte mit Sahne“ mehrfach kraftvoll in den Saal schmetterte, war zu erahnen, welch Entwicklungspotenzial sich selbst in solch vermeintlich unantastbaren Publikumserfolgen verbirgt. Wie nicht anders zu erwarten war, wurde das Bühnenpersonal über die komplette Stückdauer von erstaunlich textsicheren Zuschauern auf Schunkelwellen bis ins Finale getragen.

Der heftige Schlussapplaus beförderte dann nacheinander Darsteller, Regisseur und Ausstatter auf die Bühne, um gemeinsam mit den Besuchern Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“ zu schmettern. Aber wie hatte eine Dame ja schon zur Pause bemerkt: „Am liebsten würde ich auf die Bühne gehen und mittanzen“

Die nächsten Vorstellungen sind am 26. und 27. November, 19.30 Uhr, am 28. November, 17 Uhr, und weitere acht Aufführungen finden im Dezember statt.

von Lothar Krone (MAZ vom 23.11.2021)