Operetten-Feeling in Michendorf: Volksbühne zeigt „Vetter aus Dingsda“

Lange musste das Publikum der Volksbühne Michendorf auf diesen Moment warten: Nach neun Monaten Corona-Zwangspause wird endlich wieder gespielt. Zur Premiere bot das Ensemble unter heftigem Applaus die Operette „Der Vetter aus Dingsda“ dar.

Michendorf

Als am 1. November 2020 die beiden Chefs der Volksbühne Michendorf auf die Ankündigung des am 2. November 2020 beginnenden Lockdowns noch eilends mit einer letzten Doppelvorstellung reagierten, ahnten sie nicht die Länge der erzwungenen Spielpause. Die zum Ausgleich versprochenen Coronahilfen des Bundes brauchten Monate bis sie den Weg nach Michendorf fanden und die weit besser funktionierenden Wirtschaftlichkeitshilfen des Landes können immer nur nachträglich beantragt werden.

Maximale Auslastung bei 40 Prozent

Am vergangenen Freitagabend eröffnete die Volksbühne mit der Premiere von Eduard Künneckes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ vor 44 Zuschauern, was der erlaubten Auslastung von maximal 40 Prozent entspricht. Allein die vielen strahlenden Theaterfans im Foyer zu beobachten, war das Kommen wert. Selbst als der Theaterdirektor und Regisseur des Stückes Christian A.Schnell zur Pause die Havarie des kompletten Sanitärtrakts verkünden musste, ging niemand.

Von diesem unbedingten Behauptungswillen waren auch die am Stück beteiligten Akteure erfasst. So musizierten die von ihrer musikalischen Leiterin Irina Loskova und ihrem Klavier angetriebenen Elisabeth Bingel, Martin Riedl und der Schlagzeuger Klaus Kühn mit viel Schmiss und bewiesen, dass auch ein Quartett für Operettenfeeling sorgen kann. Überhaupt war einmal mehr erstaunlich, wie selbst mit eingeschränkten Ressourcen Theaterbegeisterung entfacht werden kann.

Doppelter Irrgarten der Liebe

Martin Riedls multifunktionales Bühnenbild mit dem Außenblick auf einen Bartresen wirkte dabei wie die dreidimensionale Ausfertigung eines Gemäldes von Edward Hopper. In dieser durch Bildüberblendungen wandelbaren Kulisse hüpften, tanzten und sangen die beiden Freundinnen Julia (Olivia-Patrizia Kunze) und Hannchen (Mika Bara) abwechselnd von Begehren oder Enttäuschung erfasst durch einen gleich doppelten Irrgarten der Liebe. Hintergrund dieser Verwicklungen sind die Identitätsschwindel der unter gleichem Namen an der Bar gestrandeten Herren.

Der erste Fremde (Tobias Grabowski) und der zweite Fremde (Matthias Weißschuh) lösen den selbst verursachten doppelten gordischen Beziehungsknoten erwartungsgemäß erst im Finale, sodass sämtliche Ohrwürmer ordnungsgemäß zum Vortrag kommen können.

Regisseur singt Zugabe mit Ensemble

Spiel- und sangesfreudig unterstützt werden sie von Julias stets störenden Vormund Josef Kuhbrot (Hartmut Kühn), dessen gutgläubiger Frau Wilhelmine (Tina-Nicole Kaiser), den nicht nur in Liebesdingen ungeschickten Egon von Wildenhagen (Tobias Rechtien) sowie der matronenhaften Evelyn (Jens Ulrich Seffen).

Es lag sicher nicht nur an der Lockdown-Entwöhnung des Publikums, dass spätestens mit dem Solo der sich naiv mädchenhaft gebenden Schönheit Julia und ihrem durch Inbrunst bezaubernden Song „Strahlender Mond der am Himmelszelt thront“ die Herzen auch der letzten der 44 Zuschauer im Saal erobert waren. Zu erwarten war, dass es oft heftigen Beifall geben würde. Unerwartet war, dass zum Schluss der strahlende Regisseur händchenhaltend mit dem glücklichen Ensemble die Zugabe mitsingen würde.

Von Lothar Krone