Berliner Luft mit neuem Duft und schräger Venus

Berliner Luft mit neuem Duft und schräger Venus

Volksbühne Michendorf zeigt eine überraschende und amüsante „Frau Luna“

Wer die hinreißend glitzernde Conchita Venus gesehen hat, war am vergangenen Wochenende im Theater, in der ausverkauften Volksbühne Michendorf. Dort feierte am Freitagabend eine ganz eigene und gewitzte Version der Paul-Lincke-Operette „Frau Luna“ Premiere.

Regisseur Christian A. Schnell hat viel in seine Inszenierung investiert: Er schrieb ein Skript, das die Handlung in die Zeit und ins Studio des ersten Tonfilmes verlegte. Passend dazu kam zum ersten Mal neue Video- und Lichttechnik zum Einsatz. Neun Schauspieler und vier Musiker bildeten das professionelle, spielfreudige Ensemble. Und so entfaltete das kleine feine Theaterhaus eine besondere Kraft, die das Publikum hautnah miterleben durfte.

Die Ouvertüre begann mit den wunderschönen Paul-Lincke-Melodien, gespielt von Elisabeth Bingel an der Querflöte, Bühnenbildner Martin Riedl am Cello, Klaus Kühn an Schlagzeug und Glockenspiel und Irina Loskova, der musikalischen Leiterin, am Piano. Der Theatervorhang öffnete sich. Ein zweiter, virtueller Vorhang tauchte dahinter auf, der sich ebenfalls öffnete und den Vorspann jenes ersten fiktiven Tonfilms zeigte, um den es in dem Stück gehen würde: „Frau Luna“.

Hier gab es schon den ersten Applaus: Theater trifft Film. Martin Riedls Bühnenbild war entsprechend eingerichtet: wenige Requisiten ergänzten die große, schön gerahmte Videoleinwand im Bühnenhintergrund.

Dies war das Filmstudio, in dem Eric Naumann als Fritz Steppke von einer Zukunft als großer Regisseur träumt, belächelt von seinem Freund Lämmermeier (Tobias Rechtien). Ihr Duett „Es ist was Wunderbares ums Genie“ hatte noch ein wenig Mühe, das Live-Orchester zu übertönen. Doch mit der Zeit gewannen Handlung und Gesang der Darsteller mehr und mehr an Stärke. Wunderschön sang Mica Bara als Fritzens Liebe Marie von den „Schlösser(n) die im Monde schweben“ und das aus einer anderen Lincke-Operette geborgte „Glühwürmchen, flimmre“. Manchem Zuhörer verabreichte sie damit die Ohrwürmer des Wochenendes.

Monika Disse zeigte eine herrlich kratzbürstige Mathilde Pusebach, ihr „O Theophil, oh Theophil“ kam von Herzen und versetzte alle Männer in Schrecken, einschließlich ihres neu erkorenen Schwarmes Pannecke, von Hartmut Guy zwischen Flucht und Hingabe gespielt. Sie alle fliegen „Im Expressballon“ zum Mond, indem sie von der Bühne in die Leinwand „steigen“ (Film-Illusion und Videoproduktion: Lorenz Reimann, 3D-Animation: Niklas Weber) und ins Traumland, zu den Sternen fliegen.

Auf dem Mond kommen sie wieder aus der Leinwand heraus. Der Mondverwalter Theophil empfängt sie mit kauzig-liebenswerter Abscheu, hervorragend gesungen und gespielt von Steffen Löser, an seiner Seite die schon erwähnte schrägste Venus der Theatergeschichte: Jens Ulrich Seffen. Und schließlich trat Frau Luna selbst auf, majestätisch glänzend: Tina-Nicole Kaiser, spielerisch und stimmlich als Chefin des Mondes überzeugend. Hartmut Kühns silberschöner Prinz Sternschnuppe warb vergeblich um sie.

Absolut mitreißend gelang der zweite Teil der Aufführung. Bei „Gib mir doch ein kleines bisschen Liebe“ sang das Publikum mit. Und als das ganze Ensemble „Ist die Welt auch noch so schön“ und „Das ist die Berliner Luft Luft Luft“ schmetterte, war das pure Energie. Die Zuschauer reagierten mit Jubel und Klatschen. Happy End und Filmabspann durften nicht fehlen und dann noch ein i-Tüpfelchen obendrauf: Walzer trifft Marsch, zwei Lieder der Operette gleichzeitig gesungen, klanggewaltig verblüffend, wobei dies fast schon im Beifallssturm unterging. „Das war ein schöner Abend!“, sagte ein Gast, nachdem virtueller und analoger Vorhang sich geschlossen hatten und die Saallichter wieder angingen. Die glücklichen Gesichter rundherum gaben ihm Recht.

Anke Reimann

MAZ vom 16.01.2020