Wenn Lachen immunisiert

Wenn Lachen immunisiert

Die umjubelte Premiere von „Kunst“ in Michendorf

Die Corona-Angst schien am Freitagabend in Michendorf bei der Premiere von Yasmina Rezas Welterfolg „Kunst“ in der Volksbühne einen großen Bogen um das Theater gemacht zu haben. Die entspannte Stimmung im Foyer und das gut gefüllte Theater legten die Vermutung nahe, dass Lachen zumindest gegen virale Panikattacken zu immunisieren scheint. Ein wenig durfte das volle Haus aber auch der Tatsache geschuldet gewesen sein, dass einer der beiden Direktoren der Volksbühne, Christian A. Schnell, die für ihn gewohnte Komfortzone Regiestuhl gegen das Wagnis einer Bühnenrolle getauscht hatte. Der Mime Schnell erwies sich dann sogar in den knapp zwei Stunden Spielzeit als ein Treibsatz, der in der Rolle des Yvan dieses komödiantische Bühnenfeuerwerk unaufhörlich am Brennen hielt.

„Kunst“ lebt vom Konflikt um den Wert nichtgegenständlicher zeitgenössischer Kunst und erzählt die Geschichte der fünfzehnjährigen Freundschaft eines Männertrios, die am Erwerb eines monochrom weißen Bildes zu scheitern droht. Serge (Ulrich Seffen) hat für die enorme Summe von 200.000 Franc ein Bild des renommierten Künstlers Antrios erworben.

Als Serge ganz stolz das ihn so begeisternde Werk seinem besten Freund Marc (Hartmut Guy) präsentiert, ist der fassungslos wie man für „diese Scheiße“ dermaßen viel Geld verplempern kann.

Was anfangs noch als philosophischer Diskurs beginnt, erweist sich bald als Katalysator für das Aussprechen bislang unterdrückter Vorwürfe. Als der Streit zwischen Marc und Serge eskaliert und sogar handgreiflich wird, gerät der sanfte, stets moderierende Yvan zwischen die Fronten. Wie gespalten auch das Publikum in Fragen der modernen Kunst war, zeigten deren Reaktionen. Die ersten befreienden Lacher gab es als Marc vergeblich versuchte, die von Serge behauptete Existenz feiner weißer Streifen auf dem Bild nachzuvollziehen.

Zum Höhepunkt des Abends, der allein schon die Anreise gerechtfertigt hätte, wurde ein furioser Auftritt von Schnell. Ohne Unterlass und wie aufgezogen über die Gestaltungsfragen seiner Hochzeitskarte redend hetzte er endlos lange wie ein durch den Raum zischender Ballon, dem die Luft ausgeht um seine Freunde herum. Als dann sein letztes Wort abschwirrte und er sich erschöpft zwischen die beiden Freunde auf die Bank klemmte, tobte der Saal vor Begeisterung.

Schnells Yvan war auch sonst ein Erlebnis. Selbst wenn er keinen Text hatte, mimte er hochkonzentriert und arbeitete mit leisen Körpergesten. Dabei schuf er eine fragile und sehr lebendige Kunstfigur der gerade wegen ihrer Schwächen die Sympathien der Michendorfer zuflogen.

Sehr stimmig und wie ein Fingerzeig auf die oft minimalistische Ästhetik der Moderne wirkte das Bühnenbild von Martin Riedl, der sein formreduziertes Mobiliar unter einer riesigen dreieckigen Decke platzierte.

Ein Lob auch für Hartmut Kühns flüssige Regie, die selbst dann nicht stockte als die drei Freunde ihre jeweiligen Gedanken als Monologe ins Publikum sprachen und die Handlung wie angehalten schien.

So geriet diese Premiere zu einem Abend voller angenehmer Überraschungen. Nur eines war vorhersehbar: Nachdem das Licht erlosch, steigerte sich der stürmische Beifall durch kollektives Klatschen, Füße-trampeln und Bravorufe zum regelrechten Beifallsorkan.

Lothar Krone