Travestieschwank sorgt für Begeisterung

Brandon Thomas’ Travestieschwank „Charleys Tante“ aus dem Jahre 1892 löst immer noch Lachsalven aus, jetzt auch in Michendorf.

Vor der Uraufführung von Brandon Thomas Travestieschwank „Charleys Tante“ im Jahre 1892 ahnte wohl keiner, dass bereits diese erste Inszenierung 1500 Vorstellungen lang das Publikum vor Begeisterung toben lassen würde. Doch noch im gleichen Jahr krümmten sich auch die Londoner vor Lachen, und von 1893 an lief das Stück am Broadway in New York ganze vier Jahre. Als Ende 1893 auch die deutschsprachige Erstaufführung in der Reichshauptstadt einschlug wie eine Bombe, befahl Wilhelm II. das Ensemble des Berliner Adolf -Ernst-Theaters unverzüglich ins Schlosstheater des Neuen Palais nach Potsdam, um sich höchst selbst einer kaiserlichen Lachtherapie zu unterziehen.

Die „Tante“ gibt es in über 100 Sprachen

Inzwischen wurde das Stück schon in über hundert Sprachen gespielt, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die dem Humor verpflichtete Volksbühne in Michendorf „Charleys Tante“ ins Brandenburgische übertragen würde. Dabei haben Regisseur Christian A. Schnell und Bühnenbildner Martin Riedl ihre Version des Schwanks leicht variiert und auch optisch etwas näher an die Jetzt-Zeit gerückt.

Dreh- und Angelpunkt des Bühnengeschehens ist die steinreiche Tante des Studenten Charley (Frédéric Stromberger), von der es sinnigerweise gleich zwei gibt. Da sind das ausgesprochen elegant gespielte brasilianische Original Donna Lucia (Tina-Nicole Kaiser) und das aus reinster Liebesnot geborene männliche Tantenduplikat. Weil Charley und sein Kommilitone Jack (Hannes Lindenblatt) bis über die Halskrausen in Amy (Julenka Werkmeister) und Kitty (Victoria Forberger) verknallt sind und den Besuch der Tante als Vorwand für ein erstes Date mit den beiden Grazien benutzen wollen, stehen die beiden Schwerenöter vor einem Problem, als sich die Anreise der Tante verzögert.

Ein Mann spielt die Tante, mit Spaß

Sie überreden Fancourt Baker (Jens Ulrich Seffen), den etwas windigen Kumpel von Charley, den alle nur Babbs nennen, die Tante zu mimen. Anfangs nur widerwillig und später mit wachsendem Vergnügen agiert er in Frauenkleidern, auch weil er die Arglosigkeit der beiden jungen Damen weidlich zu mehr als nur platonischen Annäherungen nutzt.

Nachdem er sich so in die diversen Vorzüge des Frauseins eingeübt hat, genießt er sogar die Avancen, die ihm der um die falsche Tante buhlenden Spettique (Hartmut Kühn) und Charleys Vater, Sir Francis (Thomas Linz), machen. Babbs Schwelgen im femininen Wohlleben findet ein jähes Ende, als nicht nur die echte Tante, sondern auch sein heimlicher Schwarm, die sie begleitende schöne Ella (Sinha Melina Gierke), auftauchen und sich diese trügerische Idylle jäh in Chaos und Verzweiflung wandelt. Trotzdem löst sich natürlich auch dieser gordische Knoten, und am Ende stehen vier glückliche Paare und ein einsamer Fiesling als Bilanz.

Publikumsliebling ist der Mann als Frau

Zum Publikumsliebling avancierte regieplangemäß der Falsche-Tanten-Darsteller Seffen, dessen Auftritte von Anbeginn mit lauten „Ah“ und „Oh“ und entfesseltem Gelächter begleitet wurden. Das Publikum im restlos ausverkauften Saal klebte förmlich am Geschehen auf der Bühne, und bei einigen Besuchern musste man die Befürchtung haben, dass diese ständigen Zwerchfellattacken zu ernsten gesundheitlichen Schäden führen könnten. Wer aber nach dem furiosen Schlussapplaus Menschen beim Verlassen des Saals beobachtete, bei dem stellte sich dann doch die uralte Gewissheit wieder ein: Lachen ist gesund!

Karten für weitere Aufführungen im November und Dezember gibt es unter: Tel. 033205/26 81 88

Von Lothar Krone