Die kleine Bühne hat wieder Ordentliches geboten – eine Geschichte von unbequemen Wahrheiten zwischen ganz unterschiedlichen Typen und vom Aufeinanderzugehen.

 Einige wenige Plätze blieben am Freitagabend in der Volksbühne Michendorf bei der Premiere von Richard Alfieris Erfolgsstück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ unbesetzt. Diejenigen aber, die kamen, wurden rund zwei Stunden lang bestens unterhalten.

Den beiden regieführenden Chefs des Hauses Christian A. Schnell und Steffen Löser gelang es, die zwei Darsteller Iris Werlin als tanzwütige Predigerwitwe Lilly und Matthias Weißschuh als schwulen Tanzlehrer Michael mit gescheiten Dialogen und jenseits von lärmendem Klamauk unterhaltsam in Szene zu setzen. Werlin und Weißschuh agierten dabei in den zum jeweiligen Tanz passenden phantasievollen Kostümen von Birgit Schendzilorz äußerst agil in einer von Martin Riedle entworfenen noblen Witwensuite mit Panoramafenster.

Von der Lüge zum gegenseitigen Zutrauen

In dieses seit dem Tod des Gatten friedhofsstille Heim, bestellt sich die vereinsamte Lilly einen Tanzlehrer, um angeblich die Grundschritte von Tänzen wie Swing, Tango, Walzer, Foxtrott und Twist zu erlernen. Dass sie seit sechs Jahren Witwe ist und bestens tanzen kann, unterschlägt sie dem jungen Mann. Aber auch der lügt anfänglich, dass sich die Tanzdielen biegen. Michael ist keineswegs verheiratet und muss auch nicht aufopferungsvoll für seine schwerkranke Frau schuften, sondern ist lediglich schwul und mittellos. Beide Tanzpartner teilen aber nicht nur ihre Vorliebe für kleinere Realitätsabweichungen, sondern sind andererseits auch geradezu beleidigend unbeherrscht und direkt.

Als Michael seine Tanzpartnerin im erregten Wortgefecht beim Thema Wahrhaftigkeit „Alte Schachtel“ tituliert, scheint das Experiment junger Mann führt ältere Dame noch vor Ablauf der ersten Übungsstunde beendet. Intuitiv aber ahnen wohl beide, dass für sie mehr auf dem Spiel steht als ein halbes Dutzend Tanzstunden. In dem Maße, in dem beide ihre Vorbehalte aufgeben, wachsen Verständnis und Zutrauen, aber auch Wahrhaftigkeit und Zuneigung. Werlin gelang es glaubhaft, ihren Wandel von der desillusionierten herrischen Pfarrersfrau zur empathischen und lebensfrohen Tanzelevin zu gestalten und das Bild einer sich von der eigenen kleinbürgerlichen Vergangenheit emanzipierenden, letztlich äußerst sympathischen Frau zu zeichnen.

Schwulen Lehrer ohne Klischees gespielt

Auch Weißschuh überzeugte spielerisch. Seine Darstellung des schwulen Tanzlehrers war frei von aufgesetzt klischeehafter pseudowitziger Tuntenhaftigkeit. Hinzu kam, dass beide Darsteller auch mit ihren Tanzszenen das Publikum begeisterten. So sah man etliche Zuschauer, die sich synchron zum Bühnentanz rhythmisch auf ihren Sitzen bewegten. Keine Komödie aber vermag es, die Besucher allein mit der Erinnerung an die Tänze und Musik vergangener glorreicher Zeiten des Entertainments bei der Stange zu halten. Dass Alfieris Zweipersonenstück ohne Probleme über die komplette Spieldauer die wache Aufmerksamkeit des Publikums erfährt, liegt auch an den mit Geist und Hintersinn gespickten Dialogen. Zudem kommt das Stück ohne ein klassisches Happyend aus, was die Regie dazu verleitete, die Schlussszene wenigstens in eine deutlich mehr als nur bonbonsüße Sonnenuntergangszweisamkeit zu tauchen. Die Besucher beklatschten und bejubelten anschließend die Stückbeteiligten und ein Großteil des Publikums erhob sich mit Bravorufen von seinen Plätzen.

Von Lothar Krone